nicole-leverenz

Wenn Liebe zur Angst wird

1. Juni 2026
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Wenn Liebe zur Angst wird

1. Juni 2026

Ela Elenore

Was bleibt ...

 

Liebe Steffi,

manche Geschichten bleiben nicht einfach im Raum stehen. Sie setzen sich irgendwo hin, ganz still, und man merkt erst später, wie schwer sie eigentlich waren.

Heute war so ein Gespräch.

Ela saß dir gegenüber und hat von einem Leben erzählt, das viel zu früh viel zu dunkel war. Von einer Kindheit, in der Angst kein Ausnahmezustand war, sondern Alltag. Von Gewalt, von Unsicherheit, von einem Zuhause, das eigentlich Schutz hätte sein müssen und doch genau das Gegenteil war.

Und dann war da ihre Mutter, die irgendwann den Mut gefunden hat zu gehen. Mit Ela und ihren Brüdern. Weg aus dem, was niemand Kindheit nennen sollte. Aber nur weil man geht, ist das, was passiert ist, noch lange nicht vorbei. Man nimmt es mit. Im Körper. Im Kopf. In der Seele.

Ela hat diesen Schmerz gegen sich selbst gerichtet. Sie hat angefangen, sich zu betäuben, weil Fühlen einfach zu viel war. Medikamente, Rauchen, Gras, Alkohol. Nicht, weil sie leben wollte wie in einem schlechten Film, sondern weil sie nichts mehr spüren wollte. Weil da dieser Selbsthass war, der so laut wurde, dass kaum noch Platz für etwas anderes blieb.

Auch die Gedanken daran, nicht mehr da sein zu wollen, gehörten zu dieser Zeit. Und das tut weh, wenn man es hört. Weil man spürt, wie allein ein Mensch gewesen sein muss, um sich selbst so fremd zu werden.

Dann kam dieser Mann. Viel älter. Siebenundzwanzig Jahre Leben zwischen ihnen. Und vielleicht war da am Anfang genau das, wonach Ela sich so lange gesehnt hatte: Halt. Liebe. Gesehen werden. Für einen Moment sah es so aus, als könnte jetzt endlich etwas gut werden.

Aber auch dort wurde es eng. Auch dort wurde geredet, verletzt, gedrückt, gedreht. Nicht unbedingt immer sichtbar für andere, aber spürbar genug, um wieder klein zu werden.

Und dann kam dieser Schwangerschaftstest.

Positiv.

Ausgerechnet das, was Ela nie wollte, wurde später zu dem, was sie gerettet hat. Ihre Tochter kam in ihr Leben und wurde nicht einfach nur ein Kind. Sie wurde ein Anker. Ein Grund, weiterzumachen. Vielleicht sogar der erste echte Grund, sich selbst nicht endgültig aufzugeben.

Das bedeutet nicht, dass danach alles leicht wurde. Im Gegenteil. Ela musste Entscheidungen treffen, Pläne loslassen, ihr Studium abbrechen, arbeiten, funktionieren, Schmerzen aushalten. Und trotzdem ging sie weiter. Nicht elegant. Nicht perfekt. Aber weiter.

Und irgendwann kam dieser Punkt, an dem ihre kleine Tochter krank wurde und Ela alles auf eine Karte gesetzt hat. Aus der Frau, die sich früher selbst zerstören wollte, wurde eine Frau, die plötzlich kämpfen musste. Für ihr Kind. Für sich. Für ein anderes Leben.

Heute ist Ela Künstlerin. Verheiratet. Mutter von drei Kindern. Eine Frau, die malt, kreiert, fühlt und aus all dem, was einmal nur Schmerz war, etwas entstehen lässt. Ihre Bilder sind nicht einfach nur Bilder. Sie tragen etwas in sich. Vielleicht genau deshalb, weil Ela weiß, wie Dunkelheit aussieht. Und weil sie heute Wege findet, Farbe dorthin zu bringen, wo früher nichts mehr zu retten schien.

Steffi, du hattest heute selbst keinen leichten Tag. Und trotzdem warst du da. Wach. Zugewandt. Ruhig. Du hast Ela nicht durch ihre Geschichte gehetzt. Du hast ihr Raum gegeben. Und manchmal ist genau das mehr wert als jede perfekte Frage.

Dieses Gespräch hat dir wieder gezeigt, warum du das machst.

Weil Frauen wie Ela gehört werden müssen. Nicht, weil ihr Schmerz ausgeschlachtet werden soll. Sondern weil ihre Geschichte anderen Frauen zeigen kann, dass sie nicht falsch sind, nur weil sie gebrochen wurden. Dass Scham nicht ihnen gehört. Dass Heilung kein gerader Weg ist. Und dass es manchmal reicht, erst einmal nur den nächsten Tag zu schaffen.

Du gibst diesen Frauen keine fertige Lösung. Aber du gibst ihnen etwas, das viele lange nicht hatten: eine Stimme, Würde und einen Platz, an dem sie nicht funktionieren müssen.

Und genau deshalb darfst du heute auch stolz auf dich sein.

Nicht leise.

Nicht heimlich.

Sondern wirklich.

Du hast das heute verdammt gut gemacht.

Deine Steffi