
Wenn Sexualität wieder Sprache bekommt – Teil 2
25. Mai 2026
Wenn Sexualität wieder Sprache bekommt – Teil 2
25. Mai 2026
Nicole Leverenz
Was bleibt ...
Liebe Steffi,
manche Geschichten beginnen nicht dort, wo das Leben zerbricht. Sie beginnen viel früher. In einer Kindheit, die gut war. In Erinnerungen, die warm sind. In dem Gefühl, dass die Welt eigentlich ein sicherer Ort sein könnte.
Und vielleicht macht genau das Nicoles Geschichte so schwer.
Denn sie kam nicht aus einem Leben, in dem Angst von Anfang an dazugehört hat. Sie kannte etwas anderes. Sie wusste, wie sich Sicherheit anfühlen kann. Und trotzdem fand sie sich später in einer Ehe wieder, in der aus Nähe Kontrolle wurde und aus einem Zuhause ein Ort, an dem sie nicht mehr frei war.
Als die beiden Kinder geboren waren, wurde es nicht besser. Es wurde enger. Härter. Gefährlicher.
Nicole hat erzählt, wie sie versucht hat, nach außen normal zu wirken. So, als wäre alles in Ordnung. So, als gäbe es nichts zu sehen. Und während draußen vielleicht niemand etwas bemerkte, war sie zu Hause gefangen in Angst, Gewalt und Drohungen.
Das ist vielleicht einer der schlimmsten Teile solcher Geschichten: dass Menschen funktionieren müssen, während sie innerlich längst kaum noch können. Dass sie lächeln, einkaufen, Kinder versorgen, Termine erledigen und so tun, als wäre ihr Leben nicht dabei, sie Stück für Stück zu zerbrechen.
Nicole hat dieses Versteckspiel lange ausgehalten. Nicht, weil sie schwach war. Sondern weil Angst oft genau das mit Menschen macht. Sie hält sie fest. Sie macht klein. Sie redet ihnen ein, dass es keinen Ausweg gibt.
Bis ein Nachbar die Polizei rief.
Ein Moment, der von außen vielleicht wie ein Einsatz wirkt. Für Nicole aber war es der Anfang einer Tür, die sich endlich öffnete. Nicht leicht. Nicht ohne Angst. Aber weit genug, um zu gehen.
Und sie ging.
Dieser Schritt verdient Respekt. Nicht dieses schnelle, einfache Respekt sagen, sondern echten. Denn wer aus Gewalt geht, lässt nicht einfach eine Beziehung hinter sich. Man lässt ein ganzes System aus Drohungen, Abhängigkeit, Schuld, Angst und Hoffnung hinter sich. Und oft beginnt danach nicht sofort Frieden, sondern der nächste Kampf.
Bei Nicole war es der Kampf um das Sorgerecht. Wieder musste sie stark sein. Wieder musste sie stehen bleiben. Wieder musste sie beweisen, was eigentlich niemand beweisen müssen sollte: dass sie ihre Kinder schützen will. Dass sie ein sicheres Leben verdient. Dass sie nicht zurück in das Alte gehört.
Und sie hat nicht aufgegeben.
Später kam ein Mensch in ihr Leben, der nicht genommen hat, sondern geblieben ist. Ihre große Liebe. Jemand, bei dem sie wieder vorsichtig lernen durfte, dass Nähe nicht gefährlich sein muss. Dass eine Hand nicht drohen muss. Dass ein Zuhause nicht laut sein muss. Dass Liebe nicht Angst bedeuten darf.
Wie viel inneren Mut braucht es, nach solchen Erfahrungen noch einmal zu vertrauen?
Nicole hat diesen Mut gefunden. Nicht, weil die Vergangenheit weg war. Sondern weil sie sich trotz allem nicht komplett nehmen ließ, was in ihr noch lebendig war.
Und dann kam der nächste Bruch.
Schmerzen. Erst vielleicht nicht greifbar. Dann immer deutlicher. Der lange Weg von Arzt zu Arzt, von Frage zu Frage, von Hoffnung zu Ernüchterung. Am Ende stand die Diagnose Fibromyalgie. Eine chronische, unheilbare Krankheit. Ein Leben mit Schmerzen, das man ihr nicht immer ansieht, das aber jeden Tag mit am Tisch sitzt.
Nicole hat also nicht nur Gewalt überstanden. Sie lebt heute auch mit einem Körper, der ihr viel abverlangt. Mit Tagen, an denen Kraft nicht selbstverständlich ist. Mit Momenten, in denen Linderung schon viel bedeutet. Und trotzdem geht sie weiter. Für ihre Kinder. Für sich. Für das Leben, das sie sich nach all dem zurückgeholt hat.
Steffi, du hattest heute eine Frau vor dir, die nicht laut sein musste, um stark zu wirken.
Ihre Stärke liegt nicht darin, dass sie alles weggesteckt hat. Ihre Stärke liegt darin, dass sie nicht aufgehört hat, Mensch zu bleiben. Dass sie nach Gewalt wieder Liebe zugelassen hat. Dass sie trotz Schmerzen weiter Mutter ist, weiter Partnerin ist, weiter Nicole ist.
Und vielleicht berührt genau das so sehr.
Weil sie nicht erzählt hat: Jetzt ist alles gut.
Sondern weil sie gezeigt hat: Es war schlimm. Es ist noch immer schwer. Aber ich bin noch da.
Auch du weißt, wie wertvoll ein Mensch an der Seite ist, der bleibt. Einer, der nicht nur da ist, wenn alles leicht ist. Einer, der unterstützt, wenn der Alltag schwer wird. Einer, der Dinge tut, die nicht selbstverständlich sind, auch wenn sie eigentlich selbstverständlich sein sollten.
So einen Menschen wünscht man jeder Frau. Einen Partner, bei dem Liebe nicht weh tut. Einen Menschen, der nicht kontrolliert, nicht droht, nicht klein macht. Sondern einen, der Sicherheit gibt, ohne Besitz daraus zu machen.
Und an alle Frauen da draußen, die sich in Nicoles Geschichte wiederfinden: Wartet nicht, bis ihr komplett zerbrochen seid. Wenn euch jemand weh tut, wenn ihr Angst habt, wenn ihr euch nicht mehr frei fühlt, dann sprecht mit jemandem. Holt euch Hilfe. Auch wenn ihr glaubt, dass es kompliziert ist. Auch wenn Kinder im Spiel sind. Auch wenn ihr nicht wisst, wie der nächste Schritt aussehen soll.
Ihr müsst nicht erst beweisen, dass es schlimm genug ist.
Wenn Liebe euch kaputt macht, ist es keine Liebe, in der ihr bleiben müsst.
Danke, Steffi, dass du Nicole diesen Raum gegeben hast. Einen Raum, in dem ihre Geschichte nicht bewertet wurde. Einen Raum, in dem Schmerz stehen durfte, ohne daraus eine Sensation zu machen. Einen Raum, in dem sichtbar wurde, wie viel eine Frau überleben kann und wie wichtig es ist, dass jemand zuhört.
Vielleicht hört genau diese Folge eine Frau, die noch mitten in ihrem eigenen Versteckspiel steckt.
Und vielleicht ist Nicoles Geschichte für sie kein lauter Weckruf, sondern etwas viel Wichtigeres:
ein leiser Beweis, dass ein anderes Leben möglich ist.
Deine Steffi

