
Wenn Worte fehlen, darf Schmerz trotzdem sprechen
27. Juli 2026
Wenn Worte fehlen, darf Schmerz trotzdem sprechen
27. Juli 2026
Nora Brettschneider Jobke
Was bleibt ...
Liebe Steffi,
in deiner heutigen Podcastfolge saß dir eine Mutter gegenüber, die etwas erlebt hat, wofür es eigentlich keine passenden Worte gibt. Nora hat ihren erst 17 Jahre alten Sohn verloren. Nicht durch einen Unfall, nicht aus heiterem Himmel, sondern nach einer Zeit, in der er immer wieder das Gefühl bekam, nicht verstanden, nicht gehört und nicht ernst genommen zu werden.
Ihr Sohn hatte Probleme, und Nora versuchte, Hilfe für ihn zu bekommen. Sie wandte sich an die Schule, an das Jugendamt und an Menschen, von denen sie hoffte, dass sie ihren Sohn auffangen könnten. Doch überall gab es Wartezeiten, Zuständigkeiten und Termine. Termine, die erst frei gewesen wären, als ihr Sohn bereits nicht mehr auf dieser Welt war.
Nora hat dir von jenem Morgen erzählt. Von dem Gefühl, das sie bereits auf dem Heimweg im Auto begleitete. Von einem bestimmten Lied, das seitdem untrennbar mit diesem Tag verbunden ist. Und von dem Moment, in dem sie nach Hause kam und ihren Sohn leblos in seinem Zimmer fand. Sie wählte den Notruf, begann mit der Reanimation und versuchte alles, um ihn zurückzuholen. Doch sie konnte ihn nicht mehr retten.
Steffi, es braucht unvorstellbar viel Kraft, über einen solchen Moment zu sprechen. Nicht nur über den Verlust selbst, sondern auch über all die Gedanken, die danach bleiben. Über die Fragen, die nie vollständig beantwortet werden. Über das Gefühl, vielleicht etwas übersehen oder nicht genug getan zu haben. Nora wollte deshalb etwas besonders deutlich machen: Schuld hilft niemandem weiter. Vor allem nicht den Eltern, die gekämpft, gesucht, gefragt und alles getan haben, was ihnen in diesem Moment möglich war.
Dabei ist Noras Geschichte so viel größer als dieser eine schwere Verlust. Sie war selbst noch sehr jung, als sie allein in Portugal eine Ausbildung begann und schwanger wurde. Während andere in ihrem Alter feiern gingen, stand für sie plötzlich Verantwortung an erster Stelle. Sie brach ihre damalige Ausbildung ab, ging ihren eigenen Weg und erlernte ihren Traumberuf als Friseurin. Sie machte ihren Meister, studierte später Lehramt und arbeitet heute als Lehrerin.
Nora ist eine willensstarke Frau. Eine Mutter, die für ihre Kinder kämpft und die trotz allem versucht, dem Leben nicht den Rücken zuzukehren. Die Erinnerung an ihren ersten Sohn trägt sie jeden Tag in sich und auch in seinen beiden Geschwistern weiter. Sie lebt nach einem Gedanken, der für sie eng mit ihm verbunden ist: Liebe das Leben.
Es hätte noch so viel mehr zu erzählen gegeben. Doch Nora wusste, welche Dinge sie in diesem Gespräch unbedingt aussprechen wollte. Sie wollte ihre Erfahrungen weitergeben, aufklären und vielleicht eine Mutter erreichen, die gerade selbst spürt, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt. Eine Mutter, die sich nicht abweisen lassen darf, auch wenn Termine fehlen, Zuständigkeiten ungeklärt sind oder ihr gesagt wird, sie solle noch warten.
Auch aus diesem Gespräch wirst du wieder etwas mitnehmen. Die Trauer einer Mutter, die Liebe zu ihrem Sohn und die Kraft einer Frau, die trotz allem weitergeht. Manche Geschichten verlassen das Zimmer nach der Aufnahme nicht einfach wieder. Sie bleiben. Und vielleicht ist genau das wichtig, weil sie uns daran erinnern, genauer hinzuhören, früher hinzusehen und Menschen nicht erst dann ernst zu nehmen, wenn es zu spät ist.
Deine Steffi

